„‚Wir schaffen das‘ war die Losung. Im Bildungssystem haben wir es verschlafen“

Pisa-Schock

Ein Vierteljahrhundert nach dem Pisa-Schock ist Deutschland erneut dort angekommen, wo es nie wieder hinwollte: im Bildungsabstieg. Reformen wurden gestartet, gefeiert – und dann vergessen. Was einst als nationale Aufgabe galt, ist heute ein Flickenteppich aus Initiativen, Zuständigkeiten und politischer Müdigkeit. Bildungsforscher Olaf Köller bringt es auf den Punkt: „Wir haben das Ziel aus den Augen verloren – und unsere Kinder zahlen den Preis.“

Vom Aufbruch zur Ernüchterung

Als die Pisa-Studie 2001 ihre Ergebnisse veröffentlichte, war die Empörung groß. Deutschlands 15-Jährige schnitten deutlich unter dem OECD-Durchschnitt ab – vor allem beim Lesen. Der Schock saß tief, Schulen und Politik reagierten mit Eifer. Neue Lehrpläne, Sprachförderung, Ganztagsschulen, Qualitätsstandards: Über Nacht wurde Bildung zur nationalen Priorität.

Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, einer der prägenden Köpfe der Reformphase, erinnert sich gut an diese Zeit. Damals, sagt er, habe sich etwas bewegt: „Es war ein Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Politik. Man wollte verstehen, warum wir hinterherhinken – und wie wir aufholen können.“

Und tatsächlich: In den Jahren nach 2000 zeigten sich Fortschritte. Die Leistungen stiegen, weniger Schüler blieben sitzen, die Unterrichtsqualität verbesserte sich. Das Land glaubte, aus dem Pisa-Schock gelernt zu haben. Doch die Euphorie hielt nicht. Ab 2012 gingen die Werte wieder nach unten – ein Trend, der bis heute anhält.

Wenn Reformen vergessen werden

Was lief schief? Köller spricht von „Gedächtnisverlust“. Eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern habe die alten Fehler vergessen – und die einstigen Erfolge für selbstverständlich gehalten. Das Bildungssystem, so sagt er, sei träge, reagiere langsam auf gesellschaftliche Veränderungen.

Die Probleme von damals sind geblieben, manche sind größer geworden. Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland noch immer stark über den Bildungserfolg. Kinder aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund haben geringere Chancen auf gute Abschlüsse. Das Bildungssystem Deutschland reproduziert Ungleichheit, statt sie auszugleichen.

Zugleich fehlt es an qualifizierten Lehrkräften. Unterricht fällt aus, Förderstunden werden gestrichen, Ganztagsangebote bleiben Theorie. Die Unterrichtsqualität leidet – und mit ihr die Motivation. Köller sieht darin den Kern des Problems: „Wir unterrichten oft nach Konzepten aus dem 20. Jahrhundert. Die Welt hat sich verändert, unsere Schulen kaum.“

Auch der viel diskutierte Abstieg des Gymnasiums lässt sich damit erklären. Nicht Migration, sondern gesunkene Ansprüche, alte Didaktik und fehlende Innovation bremsen den Fortschritt. Das Gymnasium, einst Aushängeschild deutscher Bildung, kämpft heute selbst mit Orientierungslosigkeit.

Sprachförderung, Migration und soziale Ungleichheit

Migration spielt in dieser Entwicklung eine Rolle – aber nicht die einzige. 2015 kamen Hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland, viele mit Kindern. „Wir schaffen das“, sagte Angela Merkel. Im Bildungssystem, so Köller, haben wir es nicht geschafft.

Viele dieser Kinder konnten sprachlich nicht ausreichend gefördert werden. Die Integration blieb Stückwerk, der Unterricht überforderte sie, und Lehrkräfte waren oft alleingelassen. Trotzdem: Sie machen nur rund vier Prozent der gesamten Schülerschaft aus. Der eigentliche Grund für die Bildungskrise liegt tiefer – in der sozialen Spaltung und im Mangel an langfristiger Förderung.

Deutschlands Bildung bleibt stark von Herkunft geprägt. Wer zu Hause kein Deutsch spricht oder keine Unterstützung beim Lernen erhält, hat es schwer. Frühkindliche Förderung, Sprachprogramme und qualifizierte Ganztagsangebote könnten helfen – doch hier wird seit Jahren gespart. Köller fordert mehr Investitionen in Kitas und Grundschulen: „Wenn Kinder dort zurückfallen, holen sie es nie wieder auf.“

Das neue Startchancen-Programm soll Schulen in schwierigen Lagen unterstützen. Doch die Erwartungen sind gedämpft. „Wir beten alle, dass es etwas bringt“, sagt Köller trocken. Zu oft sei Geld geflossen, ohne Strukturen zu ändern.

Reformeifer am falschen Ort

Während echte Innovation fehlt, diskutiert die Politik über G8 oder G9, über Schulformen und Zuständigkeiten. Für Köller ist das Symbolpolitik. „Wir drehen an Schrauben, die keine Wirkung haben“, sagt er. Was fehlt, sind Ideen, wie Unterricht im 21. Jahrhundert aussehen muss – digital, interaktiv, individuell.

Stattdessen kämpfen Schulen mit überlasteten Lehrplänen, Personalmangel und Bürokratie. Die Lehrkräfte sollen fördern, differenzieren, motivieren und gleichzeitig dokumentieren. Zeit für guten Unterricht bleibt kaum.

Dabei zeigen Länder wie Finnland oder Kanada, dass Bildung gelingen kann, wenn Vertrauen und Eigenverantwortung wachsen. Dort wird weniger kontrolliert, mehr gefördert. Lehrkräfte haben Freiräume – und Schüler profitieren.

Deutschland hingegen verharrt in Verwaltung und Vergleichsstudien. Die Pisa-Studie liefert seit Jahren Daten, doch aus den Erkenntnissen folgt zu wenig. Köller lobt sie trotzdem: „Pisa zeigt uns, wo wir stehen – ehrlich und ungeschönt. Es ist die beste Schulleistungsstudie, die wir haben.“

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Der Blick in die Gegenwart zeigt: Die Bildungskrise ist keine Schlagzeile, sie ist Realität. Lernrückstände wachsen, besonders in Lesen und Mathematik. Kinder aus armen Familien verlieren den Anschluss, Lehrkräfte verlassen erschöpft den Beruf. Und während in anderen Ländern Bildung als Zukunftsinvestition gilt, wird sie hier oft als Kostenfaktor gesehen.

Für Olaf Köller bleibt Bildung die zentrale Stellschraube jeder Gesellschaft. „Ohne Bildung kein Fortschritt, keine Integration, keine Demokratie“, sagt er. Doch um das zu sichern, brauche es mehr als Lippenbekenntnisse. Es brauche Mut, Geduld – und das Bewusstsein, dass sich gute Bildung nicht in Legislaturperioden messen lässt.

Fazit: Lehren aus dem Pisa-Schock

Der Pisa-Schock war einst ein Weckruf. Heute, 25 Jahre später, droht er, zur Randnotiz zu werden. Was als Aufbruch begann, ist vielerorts wieder eingeschlafen. Deutschlands Bildungssystem steht erneut an einem Punkt, an dem Mut gefordert ist – nicht mehr bloß Analyse.

Die Herausforderungen sind klar: soziale Ungleichheit abbauen, Sprachförderung stärken, Lehrkräfte entlasten, Unterricht erneuern. Doch vor allem muss das Land seine Haltung zur Bildung ändern. Nicht mehr reagieren, sondern gestalten.

Vielleicht braucht es keinen neuen Schock, sondern das Bewusstsein, dass Bildung kein Luxus ist – sondern Überlebensnotwendigkeit.

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