Jedes Jahr zum TÜV: Die EU hat beschlossen

TÜV

Alle zwei Jahre zum TÜV – für Millionen Autofahrer in Deutschland ist das Routine. Ein kurzer Termin, eine Plakette und das Auto darf weiterfahren. Doch in Brüssel denkt man über neue Intervalle nach. Die EU-Kommission will die Hauptuntersuchung reformieren und jährlich durchführen lassen. Für Autofahrer in Deutschland könnte das doppelte Kosten bedeuten und mehr Bürokratie bringen.

EU-Vorschlag für kürzere Prüfintervalle

Der Gedanke klingt zunächst nachvollziehbar: Wer Fahrzeuge regelmäßig kontrolliert, sorgt für mehr Sicherheit auf Europas Straßen. In Deutschland finden jedes Jahr rund 22 Millionen Hauptuntersuchungen statt. Fast die Hälfte betrifft Autos, die älter als zehn Jahre sind. Laut aktuellen Zahlen weisen über 50 Prozent dieser Fahrzeuge Mängel auf – von leichten bis schweren. Bei jüngeren Autos liegt die Quote bei unter 20 Prozent.

Diese Zahlen stützen die Idee, ältere Fahrzeuge häufiger zu prüfen. Genau an diesem Punkt griff der Vorschlag der EU-Kommission auf. Die neue Regel sollte vorsehen, dass Fahrzeuge ab einem bestimmten Alter jährlich zur Kontrolle müssen. Ziel war, technische Defekte früh zu erkennen und die Zahl der Unfälle durch mangelnde Wartung zu senken.

Kritiker befürchten allerdings, dass der Aufwand für Halter deutlich steigen würde. Schon heute kostet eine reguläre Hauptuntersuchung rund 150 Euro, hinzu kommen mögliche Nachprüfungen und Reparaturen. Eine Verdopplung des Rhythmus würde die Kosten entsprechend erhöhen. Der Nutzen für die Verkehrssicherheit sei, so argumentieren Autoclubs, nicht im gleichen Maß belegt.

TÜV jährlich: Sicherheit oder Mehrbelastung?

Der Vorschlag aus Brüssel hat eine intensive Debatte ausgelöst. Befürworter verweisen auf technische Argumente. Bremsen, Achsen, Abgassysteme – all das altert mit der Zeit, oft unbemerkt. Eine häufigere Kontrolle, sagen sie, könne Mängel aufdecken, bevor sie zum Risiko werden. Besonders bei älteren Fahrzeugen steige die Wahrscheinlichkeit technischer Defekte deutlich.

Zudem sind viele Autos in der EU älter als je zuvor. Das Durchschnittsalter der Pkw liegt inzwischen bei rund 12 Jahren. In einigen Mitgliedsstaaten ist die Zahl der Fahrzeuge über 15 Jahre stark gestiegen. Dort treten auch überdurchschnittlich viele Mängel bei den Prüfungen auf. In dieser Logik wäre eine jährliche Hauptuntersuchung eine naheliegende Konsequenz.

Doch die Gegenargumente wiegen schwer. Für Millionen Pendler, Handwerksbetriebe oder Familien wäre eine zusätzliche Prüfung eine spürbare finanzielle Belastung. Hinzu kommt der zeitliche Aufwand. Werkstätten und Prüforganisationen wie Dekra, GTÜ und KÜS müssten ihre Kapazitäten deutlich erhöhen, um den neuen Bedarf abzudecken. Kritiker sprechen von einer Reform, die vor allem neue Bürokratie schafft, statt echten Sicherheitsgewinn zu bringen.

Nach dem Dieselgate-Skandal wollte die EU-Kommission auch die Abgasprüfungen verschärfen. Geplant war, Feinstaub- und Stickoxidwerte präziser zu messen, um Manipulationen vorzubeugen. Doch auch diese Idee stieß auf Widerstand. Vertreter der Mitgliedsstaaten befürchteten, die Kosten könnten außer Kontrolle geraten. Die Verkehrsminister legten das Vorhaben zunächst auf Eis.

Widerstand aus Deutschland

Dass die Reform am Ende gestoppt wurde, lag nicht zuletzt am Widerstand der Bundesregierung. Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zeigte sich in Brüssel erleichtert, als der Vorschlag vorerst vom Tisch war. Deutschland habe verhindert, dass „wir auf einjährige Prüfintervalle zurückfallen“, sagte er nach den Beratungen. Damit bleibt vorerst alles beim Alten: Die Hauptuntersuchung bleibt im zweijährigen Rhythmus.

In Fachkreisen stößt diese Entscheidung auf geteilte Reaktionen. Technische Prüfer betonen, dass die Sicherheit deutscher Fahrzeuge bereits heute hoch sei. Die Quote der Fahrzeuge mit erheblichen Mängeln liegt seit Jahren auf ähnlichem Niveau, größere Sicherheitsrisiken seien selten. Auf der anderen Seite fordern Umweltverbände und Sicherheitsexperten, das Thema nicht endgültig zu beenden. Die Unfallstatistik zeige, dass bei älteren Autos technische Defekte häufiger eine Rolle spielen als bei neueren Modellen.

Ein Blick nach Spanien zeigt, wie unterschiedlich die EU-Mitglieder das Thema handhaben. Dort müssen Fahrzeuge, die zwischen zehn und dreißig Jahre alt sind, jedes Jahr zur Hauptuntersuchung – zur sogenannten ITV, dem spanischen Pendant zum TÜV. Die Regelung wurde Anfang der 2000er eingeführt, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Laut Behörden sank die Zahl der Verkehrstoten zwischen 2000 und 2020 um 44 Prozent. Viele führen das auch auf die strengeren Prüfintervalle zurück.

Bemerkenswert ist allerdings der Preisunterschied: Eine Untersuchung in Spanien kostet rund 40 Euro, in Deutschland im Schnitt fast viermal so viel. Ein weiterer Grund, warum die jährliche Pflicht hierzulande schwer durchzusetzen wäre.

Wie es weitergeht

Nach der Entscheidung der EU-Verkehrsminister ist klar: Eine einheitliche europäische Regelung zur Hauptuntersuchung wird es vorerst nicht geben. Jedes Land behält seine eigenen Prüfintervalle. Die Kommission will das Thema aber weiter beobachten. Vor allem die Entwicklung der Unfallzahlen und der Mängelquoten älterer Fahrzeuge soll künftig stärker analysiert werden.

In Deutschland dürften die Diskussionen bald erneut aufflammen. Der Fahrzeugbestand wird älter, und mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Fahrzeuge mit Mängeln. Auch die Debatte um Feinstaub, Abgase und technische Sicherheit wird weitergehen. In Brüssel gilt das Thema als „pausiert“, nicht als beendet.

Langfristig könnten digitale Prüfverfahren oder vernetzte Fahrzeugsysteme neue Wege eröffnen. Moderne Fahrzeuge übermitteln bereits heute Wartungsdaten und Fehlermeldungen in Echtzeit. Solche Technologien könnten eines Tages die klassische Hauptuntersuchung ergänzen oder sogar ersetzen. Doch bis dahin bleibt der TÜV die Institution, der Autofahrer vertrauen – und der alle zwei Jahre über die Verkehrstüchtigkeit ihrer Fahrzeuge entscheidet.

Fazit: Der TÜV bleibt, wie er ist – vorerst

Die EU wollte mit einer Reform der Hauptuntersuchung mehr Sicherheit schaffen. Am Ende scheiterte das Vorhaben an Kosten, Widerstand und unterschiedlichen nationalen Interessen. Deutschland behält den zweijährigen Rhythmus, Spanien bleibt bei der jährlichen Kontrolle. Der Vergleich zeigt, dass beide Systeme funktionieren können – abhängig von Preis, Akzeptanz und Organisation.

Für Autofahrer bedeutet das vorerst Entlastung. Die Prüfplakette wird weiterhin alle zwei Jahre vergeben. Doch das Thema ist nicht erledigt. Die Diskussion um häufigere Kontrollen, Umweltauflagen und technische Sicherheit wird zurückkehren. Der TÜV bleibt dabei das Symbol für Kontrolle, Verlässlichkeit – und für den Spagat zwischen Sicherheit und Zumutbarkeit.

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