Im Jahr 2019 startete Island die Vier-Tage-Arbeitswoche: Fast sechs Jahre später bestätigt sich alles für die Generation Z

Vier-Tage-Woche

Island hat es durchgezogen. Die Vier-Tage-Woche, über Jahre als Ideal belächelt, wurde dort zur Realität. Wo einst Skepsis dominierte, zeigt sich nun ein Arbeitsmodell, das nicht nur funktioniert, sondern Maßstäbe setzt. Aus einem kleinen Pilotprojekt ist ein nationales Umdenken geworden – mit Folgen weit über die Insel hinaus.

Island hat getan, worüber anderswo noch diskutiert wird: Die klassische Arbeitswoche radikal gekürzt – und das mit voller Bezahlung. Was als kleines Pilotprojekt mit gerade einmal 2.500 Teilnehmern begann, wuchs zur landesweiten Veränderung heran. Fast 90 Prozent der Beschäftigten arbeiten inzwischen nur noch vier Tage – bei gleichbleibendem Gehalt. Und das Erstaunlichste: Die Produktivität hat nicht gelitten. Im Gegenteil.

Ein Modell, das nicht nur verspricht, sondern liefert

Was 2015 mit rund 2.500 Teilnehmenden begann, ist heute fester Bestandteil im Alltag fast aller Arbeitnehmer in Island. Bis 2019 wuchs das Projekt zur landesweiten Reform heran. Mittlerweile profitieren rund 90 Prozent der Beschäftigten von der verkürzten Arbeitszeit. Die 40-Stunden-Woche wurde gestrichen. Jetzt gilt: 36 Stunden – bei vollem Lohn.

Und das überraschende Ergebnis? Die Produktivität blieb stabil. In vielen Bereichen legte sie sogar zu. Weniger Überstunden, klarere Ziele, motiviertere Teams. Menschen arbeiten fokussierter, wenn sie wissen, dass am Freitag mehr Zeit für das Leben wartet.

Lehrerin María Hjálmtýsdóttir brachte es auf den Punkt: „Die Arbeitszeitverkürzung hat unseren Alltag verändert. Wir sind entspannter, zufriedener – und trotzdem genauso engagiert.“

Island ging dabei einen anderen Weg als Belgien. Dort wird die Arbeitszeit komprimiert – vier lange Tage, statt fünf normale. Die Isländer hielten dagegen an üblichen Tageslängen fest und schufen damit echte Work-Life-Balance. Kein künstlich gestreckter Freitag, sondern ein freier Tag, der sich wie Freizeit anfühlt.

Digitale Stärke als Fundament der Veränderung

Einer der Gründe, warum dieses Modell so reibungslos funktionierte, liegt in der digitalen Infrastruktur Islands. Das Land ist bestens vernetzt. Selbst abgelegene Orte verfügen über stabiles, schnelles Internet.

Diese technische Basis machte vieles möglich:

  • Effiziente Kommunikation über Distanz hinweg
  • Cloudbasierte Zusammenarbeit unabhängig vom Standort
  • Flexible Zeiteinteilung, die auf Ergebnis statt Präsenz setzt
  • Automatisierte Prozesse, die Zeit freischaufeln

Gerade für die jüngeren Generationen war das ein Heimspiel. Sie denken digital, arbeiten hybrid und koordinieren sich ohne Probleme über Tools und Plattformen. Was anderswo als Barriere gilt, war in Island längst gelebter Alltag.

Produktivität bekam eine neue Definition: Nicht die Anzahl der Stunden zählt, sondern das, was am Ende dabei herauskommt. Führungskräfte lernten, Verantwortung zu teilen. Teams lernten, selbstbestimmt zu arbeiten. Und die Technik? Die lief einfach mit.

Wie weniger Arbeit mehr verändert

Der gesellschaftliche Wandel war fast greifbar. Mit dem zusätzlichen freien Tag verschoben sich Prioritäten. Männer übernahmen spürbar mehr familiäre Verantwortung. Hausarbeit wurde neu verteilt. Das Thema Gleichstellung bekam plötzlich Rückenwind – nicht durch Appelle, sondern durch Zeit.

Auch in anderen Bereichen zeigte sich der Effekt:

  • Psychische Gesundheit verbesserte sich. Weniger Burnout, weniger Erschöpfung.
  • Familienleben wurde stabiler. Mehr Zeit für Kinder, mehr Zeit füreinander.
  • Engagement stieg. Ob Nachbarschaftshilfe, Vereine oder lokale Projekte – viele fanden Raum, sich einzubringen.
  • Umweltbelastung sank. Weniger Pendelverkehr, weniger Energieverbrauch in Büros.

Das Konzept arbeitete auf mehreren Ebenen. Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit – alle profitierten. Und dabei ging es nie nur um Arbeitszeit. Es ging um Lebenszeit.

Wer weniger Zeit im Büro verbringt, ist nicht fauler. Im Gegenteil. Die Menschen berichten von mehr Fokus, klareren Zielen und weniger Leerlauf. Der Alltag wurde dichter, aber nicht hektischer.

Von Reykjavík nach Berlin – ein Modell macht Schule

Was Island vormachte, hat Nachahmer gefunden. Deutschland, Portugal, Spanien und das Vereinigte Königreich haben eigene Pilotprojekte gestartet. Die Erkenntnis reift: Die Vier-Tage-Woche ist kein Luxus, sondern ein Arbeitsmodell mit Zukunft.

Natürlich ist nicht alles eins zu eins übertragbar. Doch das isländische Modell zeigt, wie man es angehen kann. Mit klaren Zielen, technischen Voraussetzungen – und dem Mut, Dinge anders zu denken.

Die 36-Stunden-Woche ist mehr als ein schöner Gedanke. Sie ist ein funktionierendes System, das Menschen spürbar entlastet, ohne Unternehmen zu schaden. Im Gegenteil: Arbeitgeber berichten von höherer Loyalität, weniger Fluktuation und besserer Stimmung.

Island beweist, dass wirtschaftliche Produktivität und menschliches Wohlbefinden keine Gegensätze sind. Die Einführung der Vier-Tage-Woche wurde nicht aus Mangel, sondern aus Vision geboren – und hat diese Vision übertroffen.

Mit Blick auf die kommenden Jahre ist klar: Wer neue Arbeitsmodelle denkt, kommt an Island nicht vorbei. Die Balance zwischen Arbeit und Leben rückt wieder in den Fokus – und das zu Recht.

Die Vier-Tage-Woche ist kein Experiment mehr – sie ist ein Vorbild

Island hat vorgemacht, was viele für unmöglich hielten: weniger arbeiten, ohne zu verlieren. Die Vier-Tage-Woche hat gezeigt, wie ein modernes Arbeitszeitmodell funktionieren kann – wirtschaftlich, gesellschaftlich und menschlich.

Sie bietet mehr als Entlastung. Sie schenkt Zeit, Vertrauen und Energie zurück. Die Ergebnisse sprechen für sich: stabile Produktivität, gesündere Menschen, stärkere Familien, lebendigere Gemeinschaften.

Es ist kein Zufall, dass andere Länder jetzt nachziehen. Die Idee, dass Arbeit das Leben nicht dominieren muss, gewinnt an Kraft. Und Island liefert die Blaupause.

Wer heute über die Zukunft der Arbeit spricht, kommt an einem Punkt nicht vorbei: Vier Tage reichen – wenn man sie richtig nutzt.

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