Wie fühlt es sich an, monatelang auf engem Raum mit Fremden zu leben – ohne Tageslicht, ohne Ablenkung, ohne Fluchtmöglichkeit? Die ESA Isolationsstudie in Köln will genau das herausfinden. 2026 sollen sechs Probanden simulieren, was Astronauten auf einer echten Langzeitmission erwartet – psychisch wie physisch. Für viele klingt das nach Abenteuer, für die Forschung ist es ein nötiger Stresstest der Extreme.
Leben auf engem Raum – ein Experiment mit echten Menschen
Raumfahrt bedeutet Enge. Kaum Platz, kein Rückzugsort, permanenter Kontakt mit der Crew. Jeder Gedanke, jede Emotion teilt sich unweigerlich mit. Genau diesen Zustand will die ESA Isolationsstudie realitätsnah nachbilden. Das Projekt trägt den Titel SOLIS100 – eine Anspielung auf die geplanten 100 Tage Isolation, in denen sechs Menschen auf engstem Raum miteinander leben und arbeiten werden.
Der Schauplatz: das :envihab-Forschungszentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln. Hier entsteht ein abgeschottetes Habitat, das an eine Raumstation erinnert. Fenster? Fehlanzeige. Stattdessen: künstliches Licht, kontrollierte Luftzufuhr, feste Arbeitsabläufe.
Die Teilnehmer sollen erfahren, was Astronauten bei langen Missionen erwartet. Sie müssen in dieser Zeit forschen, trainieren, kommunizieren – und sich als Crew bewähren. Psychische Stabilität zählt mehr als Muskelkraft. Wer hier durchhält, beweist, dass Isolation nicht nur ertragen, sondern gestaltet werden kann.
Das Experiment ist kein reines Geduldsspiel. Es liefert wertvolle Daten darüber, wie Isolation die Psyche, das Verhalten und die Leistungsfähigkeit beeinflusst. Diese Erkenntnisse werden entscheidend sein, wenn eines Tages Astronauten monatelang Richtung Mars fliegen – ohne Chance auf Rückkehr, ohne Blick auf die Erde.
Wer darf mit ins Habitat?
Bewerben kann sich, wer zwischen 25 und 55 Jahre alt ist, körperlich fit, psychisch stabil und teamfähig. Gefordert sind außerdem sehr gute Englischkenntnisse und ein Hochschulabschluss.
Die Vergütung liegt bei 23.000 Euro – klingt verlockend, doch wer sich bewirbt, sollte wissen: Hier geht es nicht um Komfort, sondern um Kontrolle, Struktur und mentale Stärke. Der Tagesablauf orientiert sich an dem echter Astronauten: Sport, Forschung, Hygiene, Essen, Ruhephasen. Alles nach Plan, alles unter Beobachtung.
Die sechs Teilnehmer leben dabei wie eine Crew im All. Jeder übernimmt Aufgaben, jeder ist Teil eines Systems. Konflikte, Müdigkeit, Heimweh – alles gehört dazu. Ziel ist, zu beobachten, wie sich Menschen unter solchen Bedingungen anpassen, wie sie Beziehungen aufbauen, Spannungen abbauen und Entscheidungen treffen.
Forscherinnen und Forscher der ESA begleiten das Experiment mit modernster Technik. Sie messen Herzfrequenzen, Schlafzyklen, Stresslevel, Kommunikationsmuster. Alles, um zu verstehen, wie Isolation den Menschen verändert – und was nötig ist, um ihn für lange Raumflüge fit zu machen.
Interessierte können sich noch bis zum 12. Dezember 2025 bewerben. Wer ausgewählt wird, betritt eine Welt ohne Fenster, aber voller Erkenntnisse.
Nebenprojekt Schwerelosigkeit – wenn der Kopf tiefer liegt als die Füße
Parallel zur Hauptmission läuft im gleichen Forschungszentrum eine zweite Untersuchung. Sie klingt weniger dramatisch, hat es aber in sich: Die Probanden dieser Studie liegen 60 Tage lang in Betten, deren Kopfseite leicht nach unten geneigt ist – exakt sechs Grad. So wird simuliert, wie Schwerelosigkeit den Körper beeinflusst.
Diese Methode verschiebt Flüssigkeiten im Körper nach oben – genau wie in der Umlaufbahn. Forscher beobachten dabei Veränderungen an Muskeln, Kreislauf, Knochen und Gehirn. Das klingt unspektakulär, doch es liefert entscheidende Hinweise darauf, wie der menschliche Körper auf lange Aufenthalte im All reagiert.
Während diese Studie eher medizinisch-technisch orientiert ist, konzentriert sich die ESA Isolationsstudie auf das Psychische – auf das, was sich nicht messen lässt, aber über Erfolg oder Scheitern einer Mission entscheidet: den Menschen selbst.
Und der hat Grenzen. Auch wenn Technik immer besser wird, bleibt der Kopf das empfindlichste Instrument an Bord. Die Forscher wollen verstehen, wie man ihn schützt, ohne ihn zu isolieren – ein Balanceakt, der selbst erfahrene Astronauten fordert.
Warum solche Studien wichtiger sind, als sie klingen
Raumfahrt beginnt auf der Erde. Bevor jemand Richtung Mars startet, müssen hunderte Fragen geklärt werden: Wie wirkt sich Monotonie auf die Motivation aus? Was passiert, wenn Konflikte in Isolation eskalieren? Wie bleibt man handlungsfähig, wenn Routine zum Feind wird?
Die ESA Isolationsstudie sucht nach Antworten. Sie untersucht, wie Teams funktionieren, wenn kein Rückzug möglich ist. Wie sich Vertrauen bildet, wenn Kontrolle allgegenwärtig ist. Und wie Menschen reagieren, wenn Tag und Nacht verschwimmen.
Das Besondere an dieser Studie: Sie bringt Forschung und Menschlichkeit zusammen. Es geht nicht nur um Daten, sondern um Empfindungen, um das, was uns im Kern ausmacht – den Drang nach Nähe, Freiheit und Stabilität.
Die Ergebnisse fließen direkt in die Vorbereitung künftiger Missionen ein. Die ESA will aus den Erkenntnissen Strategien entwickeln, um Crew-Mitglieder psychisch zu stabilisieren, Kommunikationswege zu verbessern und Isolation erträglicher zu machen. Dabei geht es um mehr als Raumfahrt – auch für irdische Situationen, etwa in der Polarforschung oder auf U-Booten, sind diese Erkenntnisse wertvoll.
Fazit: Die ESA Isolationsstudie blickt dorthin, wo es wirklich eng wird
100 Tage, sechs Menschen, kein Fenster – das klingt nach einem Experiment am Rand des Zumutbaren. Doch genau dort entstehen Erkenntnisse, die den Weg zu anderen Welten ebnen könnten. Die ESA Isolationsstudie zeigt, dass Raumfahrt weit mehr ist als Raketen, Roboter und Technik. Es geht um den Menschen, um seine Anpassungsfähigkeit, um sein inneres Gleichgewicht.
Wer sich bewirbt, testet nicht nur seine Belastbarkeit, sondern hilft, die Zukunft der Raumfahrt zu gestalten. Das Abenteuer findet nicht im All statt, sondern mitten in Köln – in einem Raum, kaum größer als ein Wohnzimmer.
Und genau dort entscheidet sich, ob wir wirklich bereit sind, den Schritt hinaus ins Unbekannte zu wagen.







